Zwei Männer sitzen auf dem Boden neben einem Kartonschild

Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!
Hebräer 13,3

Martin Schmitz-Bethge

„Ich denke an dich“, sagen wir oft, wenn wir einem Menschen alles Gute wünschen, vor einer Prüfung vielleicht oder in sonst einer schwierigen Situation. Es ist ein schönes Zeichen des Mitgefühls in Situationen, wo ein „ich bete für dich“ melodramatisch erschiene oder befremdlich für die angesprochene Person wäre.

Mitgefühl ist eine der großartigen Gaben Gottes. Ich fühle mich einer anderen Person so verbunden, dass ich ihre Gefühle an mich heranlasse und sie wirklich zu verstehen versuche. Ich lasse mich von ihrer Freude anstecken und setze mich ihrem Schmerz aus.

Doch der Vers aus dem Hebräerbrief wirft auch Fragen auf: Kann ich mich in eine Situation hinein versetzen, die ich selbst noch nie erlebt habe? Kann ich mich in einen Mitmenschen hineinversetzen, der in dieser Situation steckt?

Und ich frage mich: Wie würde sich unser Denken und Handeln verändern, wenn wir das konsequent täten? Wie würden wir uns verhalten, wenn wir an die Klimakrise so dächten, als würden wir in den Küstengebieten von Bangladesh oder auf einer der Inseln in Polynesien lebten? Was würden wir sagen und tun, wenn wir über Migration so nachdächten, als säßen wir mit in einem kleinen Boot irgendwo auf dem Mittelmeer, oder in einem Lager an der Außengrenze der EU, oder in einem Abschiebegefängnis irgendwo in Deutschland? Wie würden wir handeln, wenn wir über Sozialpolitik so nachdächten, als müssten wir selbst von Bürgergeld oder Grundsicherung leben?

Gott mutet uns zu, uns in andere, besonders in die Schwächeren hinein zu versetzen, ihnen Mitmenschen zu sein – Gott hat sich ja selbst zugemutet, Mitmensch zu werden. Lassen wir uns davon ermutigen, uns auf das einzulassen, was mit uns geschieht, wenn wir wirklich Mitgefühl empfinden.

Foto von Zac Durant auf Unsplash

Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.
Prediger 4,6

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