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„Du bist ein Gott, der mich sieht.“
Genesis 16, 13

Markus Hentschel

Sagt Hagar, die Sklavin, als sie der Quälerei durch ihre Besitzerin Sarah, der Frau Abrahams, entkommen will und in die Wüste flieht. Hagar und Sarah stehen in Konkurrenz um das Ansehen bei Abraham. Hagar ist Sklavin, aber schwanger. Sarah ist Herrin, aber kinderlos. Abraham entzieht sich der Verantwortung für beide und überlässt die Konkurrenz dem ungebremsten Kampf zwischen den Frauen um Anerkennung.

Ansehen scheint ein knappes Gut zu sein, um das man kämpfen muss. Auch gegeneinander. Mit allen Tricks. Wie mühsam ist das doch – und wie sehr zerstört es Beziehungen!

Diesen (selbst)zerstörerischen Kampf unterbricht Gott mit der Zusicherung: „Ich sehe dich, ohne dass Du darum kämpfen musst. Ich beachte Dich, ohne dass Du auf Dich aufmerksam machen musst. Bei mir bist Du schön.“

Der Gott, der uns sieht, ist keiner, der uns sozial kontrolliert und kein Voyeur. Gottes Sehen ist der schöpferische Blick der Liebe; der Blick, der Menschen würdigt – in ihrer Eigenart, in ihrem Begehren, in ihrer Weise, leben zu wollen und lieben zu können.

Und obwohl uns Gott mit diesen liebenden Blicken ins rechte Licht setzt – ist es nicht leicht, diesen Anblick zu erwidern. Gott schämt sich unser nicht, aber wir schämen uns oft, uns in unserer Eigenart sichtbar zu machen.

Wir trauen uns häufig nicht, etwas von dem zu zeigen, was uns auszeichnet. Denn wir fürchten das abschätzige Urteil anderer. Leider müssen immer noch viel zu viele die Erfahrung machen, dass ihre Fähigkeiten, ihre Wünsche, ihre Lebensweise missachtet werden.

In der Woche vor Weihnachten kommt ein Film in die Kinos „Oskars Kleid“, über ein neunjähriges Kind, das von allen als Junge gesehen wird, sich selbst aber als Mädchen empfindet und kleidet. Wie gut der Film ist, kann ich nicht sagen. Aber klar ist: dass an einem Transgender-Kind der Konflikt zwischen Konformität und Sich-Darstellen (immer noch) besonders deutlich wird. Solche Widersprüche aber begleiten uns alle dann, wenn wir Angst haben (müssen), uns so zu zeigen, wie wir sind.

Ich wünsche mir angesichts der Zusage Gottes, dass er uns in Liebe ansieht, den Mut, mehr von uns sehen zu lassen und natürlich auch die Bereitschaft, uns einander zu würdigen. Denn es soll keine/r Angst haben müssen, verschieden zu sein.

Photo by Alexander Grey on Unsplash

Denn alle Schrift, von Gott eingehaucht, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit.
(2 Tim 3,16)

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