Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen

Marius van Hoogstraaten

Apokalyptik ist ein seltsames Genre: Kryptische und allegorische Darstellungen der Gegenwart weben sich zusammen mit der Sehnsucht nach einem klaren Schnitt und einem grundsätzlichen Neuanfang, einem radikalen Wandel, für die Zukunft. Die Offenbarung von Johannes ist wohl nie als direkte Vorhersage gemeint.

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
Offb 21,2.

Dennoch hat sie immer wieder Menschen dazu bewegt — so auch unsere “Vorfahren” der Täuferbewegung — in den “Zeichen der Zeit” den Anfang von einer Epoche, in der die Welt mit Schrecken untergehen wird und eine neue Schöpfung das Leid der alten ganz ersetzen wird, zu sehen.

Eine Wahrnehmung, die Christ_innen früher und heute zu radikaler sozialen Transformation, aber auch zu schrecklicher Gewalt und zu lähmender Passivität bewegt (denn warum sollten wir uns für die Be-wahrung der Schöpfung einsetzen, wenn diese doch in wenigen Jahrzehnten “vergangen” (21,1) sein wird?).

Ich denke, diese Sehnsucht nach einem radikalen Schnitt und einem absoluten Neuanfang ist uns im Grunde nicht so fremd. Nicht umsonst gab und gibt es so viele “post-apokalyptische” Filme und Bücher: Geschichten darüber, wie neues Leben, und neue Hoffnung, anfangen kann, nachdem alles zu Ende gegangen ist. Vielleicht wirkt es auch irgendwie befreiend, das Alte nicht mehr herumschleppen zu müssen – Gerechtigkeit nicht inmitten des Unrechts herstellen zu müssen.

Doch ich denke, dass diese Sehnsucht nach einem klaren Schnitt etwas Wesentliches verpasst: Nämlich dass Gottes Reich eben besonders inmitten dessen, das bereits da ist, stattfindet. Und dass diese Hoffnung nach einer Realität, in der Gott alle Tränen abwischen wird, und der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid noch Ge-schrei noch Schmerz (Offb. 21,4), nicht auf das Ende der Welt verlagert werden soll, sondern jetzt, hier, mitten unter uns (Lk 17,21) bereits um sich greift.

In den Worten des Kurt Marti, in einem Lied, das wir diesen Monat häufiger singen werden (403): Der Himmel, der kommt, grüßt schon die Erde, die ist / wenn die Liebe das Leben verändert.

 Foto: Arno Smit on Unsplash

Macht euch dieses klar, meine lieben Schwestern und Brüder: Jede und jeder von euch sei schnell zum Zuhören bereit, zögere jedoch mit dem Reden und dem Zürnen.
Jak. 1,19

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